P a u l i n e n a u e
... liegt auf einer Talsandinsel am Rande des Niedermoores.
Man findet hier keinen Stein – es sei denn, er wurde von Menschenhand
hergetragen.
Diese Lage und deren Abhängigkeit von den Grundwasserverhältnissen
waren für die Besiedlung und die wirtschaftliche Entwicklung ausschlaggebend.
Ein wichtiger Entwicklungsfaktor in der Gemeinde war die Eisenbahn und
die Gründung einer landwirtschaftlichen Forschungseinrichtung nach dem
Zweiten Weltkrieg, die das heutige Ortsbild maßgeblich prägt.
So bietet die Ortslage Paulinenaue nicht das Bild eines Bauerndorfes.
Vielmehr bestimmen kleine Siedlerstellen, an die sich Gärten oder Obst-
und Gemüseplantagen anschließen, und deren erste vor und nach dem
Ersten Weltkrieg entstanden, das Bild. Dazu kommen die mehrstöckigen
Mietshäuser im Zentrum des Ortes und viele Eigenheime.
Auch höher gelegene Flächen der heutigen Gemarkung Paulinenaue waren
schon frühzeitig im Mesoliticum und Neoliticum besiedelt, wie Funde beweisen.
Ebenso gibt es Funde in der Zeit von 150 bis ins 4. Jahrhundert hinein.
Die älteste urkundliche Erwähnung erfolgte – datiert aus
einer Verkaufsurkunde -
am 13. Februar 1390 in Friesack.
Herr von Bredow verkaufte danach die „Heideberge“ an das Domkapital zu
Brandenburg. In der Urkunde wird der Grund und Boden zwischen Lindenholz
und Lütsche (Holzungen nordöstlich und südwestlich der Ortslage) genannt.
Die Bezeichnung Lütsche wird auf das im Jahre 1372 abgebrannte Dorf Lützow
zurückgeführt, dessen Bewohner nach dem Brand nach Pessin übersiedelten.
Noch Anfang des 18. Jh. wurden Reste dieses Dorfes gefunden.
Es wird angenommen, dass das bewirtschaftete Gebiet das heutige
Paulinenaue umfaßt.
Im Jahre 1420 befanden sich die „Heideberge“ im Besitz der Familie von
Knoblauch und wurden „von Bardelebensche Meierei“ genannt. Demnach
muss offenbar Herr von Bardeleben aus Selbelang die Flächen zwischen
den Jahren 1390 und 1420 vom Domkapitel Brandenburg erworben
und eine Meierei errichtet haben.
Die „von Bardelebens“ waren u. a. im Havelland beheimatet. Sie
beherrschten das Gebiet um Selbelang von 1412 bis 1833, bis die
von Knoblauchs hier ansässig wurden.
Lt. Amtsblatt der Regierung zu Potsdam Nr. 19, S. 122 vom 10. Mai 1833 erhielt
die Bardelebensche Meierei am 30. April 1833 den Namen
Paulinenaue.
Zustande kam die Namensgebung zu Ehren der Heirat einer Pauline
von Bardeleben mit dem Pessiner Gutsbesitzer von Knoblauch.
Von Knoblauch richtete auf dem Paulinenauer Gutshof den damals
als modern zu bezeichnenden Kuhstall für 100 bis 120 Kühe ein.
Im Jahre 1857 wurde fast die gesamte Herde von Rinderpest vernichtet.
Da es zu jener Zeit keine Versicherung gab, dauerte es ca. 5 Jahre, bis sich
das Vorwerk von diesem Schlag erholte. Die Milch wurde per Achse nach
Berlin gebracht.
Im Jahre 1912 mußte von Knoblauch das Vorwerk Paulinenaue
wegen Geldschwierigkeiten verkaufen. Käufer des nun selbständigen
Gutes war der Makler Staroßke. Dieser ließ viel bauen. So wurden die Scheunen
und Ställe erneuert, das Wohnhaus aufgestockt – offenbar zur Erhöhung des
Wertes des Gutes.
Auch der „Neubau“ an der Ruppiner Straße - Zweifamilienhäuser für die Guts-
arbeiter – stammt aus dieser Zeit.
Staroßke verkaufte das Gut im Jahre 1917 an die Ritterschaftsbank, die
zur Havelländischen Siedlungsgesellschaft gehörte.
Vor Beginn des Bahnbaus Berlin – Hamburg war die Streckenführung
zu entscheiden. Vorschläge, die Strecke über Havelberg oder
Fehrbellin
- Wusterhausen – Perleberg zu führen, fanden keine Zustimmung.
Man entschied sich für die Linie Nauen – Friesack – Neustadt/Dosse – Wittenberge.
Dies war ein Glücksumstand für Paulinenaue.
Die Strecke wurde am 15. Oktober 1846 in Betrieb genommen (zunächst
eingleisig). Im Jahre 1866 folgte das 2. Gleis.
In Verbindung mit dem Bahnbau wurde der Eichenwald, der um die
Bahnanlagen weiträumig stockte, abgeholzt. Das Holz wurde
nach Hamburg verbracht.
Die ersten Bahnerhäuser entstanden im Jahre 1850 im Bahnhofsbereich.
Das 1. Bahnhofsgebäude – ein flaches Holzhaus – wurde im Jahre
1859 direkt an die Gleise gebaut. Der Bahnsteig hatte an jedem Ende
eine Wärterbude, in der je ein Weichenwärter seinen Dienst tat.
Paulinenaue hatte damals nur 118 Einwohner, so dass kein
größeren Empfangsgebäude benötigt wurde.
Weiteren Aufschwung brachte die Inbetriebnahme der Privatbahn
Paulinenaue – Neuruppin, durchs Luch über Fehrbellin –
am 12. September 1880.
Am heute noch vorhandenen Inselbahnsteig endeten die Personenzüge.
Paulinenaue wurde Umsteigebahnhof.
So erklärt sich auch ds recht große schöne Bahnhofsgebäude.
Wie alle älteren Bahnhöfe vom früheren Hamburger Bahnhof in Berlin
bis Hagenow Land wurde auch das Paulinenauer Empfangsgebäude
nach Plänen des Baudirektors der Berlin-Hamburger Bahn
-
Herrn Friedrich Neuhaus
-
in klassizistischem Stil erbaut.
Im Gebäude gab es größere Warteräume und bis Ende der 50er Jahre
eine Gaststätte. Vom Hausbahnsteig führte ein Tunnel zum Inselbahnsteig.
In den Jahren 1880 bis 1886 wurden weitere Bahnerhäuser gebaut.
Weiteren Auftrieb gab die Kleinbahn von Rathenow nach Paulinenaue,
die vor dem Bahnhofsgebäude endete. Diese Kleinbahn war von
1901 bis 1924 in Betrieb.
Damals hielten auch Eilzüge in Paulinenaue.
Im Jahre 1945 wurde ein Streckengleis demontiert und die Bahn fuhr
- wie vor 100 Jahren – etwa 20 Jahre lang wieder eingleisig.
Die Privatbahn wurde der Reichsbahn angeschlossen und
die Züge von Neuruppin fuhren nun auch bis Nauen.
Als „Pauline“ waren in den 50er Jahren Dieseltriebwagen älterer Bauart
und alte Personenwagen mit Gaslampen als Beleuchtung im Einsatz.
Ende der 70er Jahre wurden die Gleisanlagen im Paulinenaue Bahnhof
vereinfacht und das Mittelstellwerk stillgelegt.
Im Zuge des Ausbaus der bis zum Jahr 1992 elektrifizierten Strecke
auf 160 km/h wurde das Mittelstellwerk abgerissen. Der Fußgängertunnel
zum Inselbahnsteig wurde einfach zugeschüttet, so dass der Zugang
umständlich und nicht fahrgastfreundlich ist.
Der Fahrkartenschalter wurde geschlossen und so hat der Bahnhof
im Laufe der letzten 25 Jahre an Bedeutung und Gesicht verloren.
...
In Verbindung mit den bodenverbessernden Maßnahmen mußte die
Besiedlung des Landes betrieben werden, um die landwirtschaftliche
Nutzung zu sichern. Dies zu organisieren oblag der „Landgesellschaft
Havelland-Ruppin GmbH“, gegründet im Jahre 1914 in Nauen für die
Landkreise Ost- und Westhavelland sowie Ruppin.
Ihre Aufgabe war „die in gemeinnütziger Weise durchzuführende
Urbarmachung, kulturelle Erschließung und Besiedlung der großen
-
in den 3 Landkreisen
gelegenen Moor- und Luchgebiete –
verbunden mit der Vermehrung der Bauernstellen und Seßhaft-
machung von Arbeitern in den angrenzenden Gemeinden.“
In jener Zeit entstanden die zur Gemeinde Paulinenaue noch oder
früher gehörenden Ortsteile Owinaue,
Eichberge, Bärhorst, der
Sonnenhof und der Lindenhof.
Auch in der Ortslage selbst wurden auf 30 Siedlerstellen die ersten
Privathäuser gebaut, zu denen Land in unterschiedlicher Größe
gehörte und gehört.
Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde Paulinenaue als Restgut
mit 832 ha im Jahre 1920 an Professor Goldschmidt verkauft.
Im Herbst 1924 hat dann die Deutsche Kultur- und Siedlungs-Gesell-
schaft Berlin – unter Ausübung des Vorkaufsrechts – das Gut
Paulinenaue erworben, welches nach dem Tode seines bisherigen
Besitzers zuerst an einen bekannten Traberzüchter und Industriellen
zur Anlage eines grißen Gestüts verkauft werden sollte.
Es wurde jedoch entschieden, die wertvollen Luchflächen nur zu
Siedlungszwecken bereitzustellen. Das Eingreifen des Landlieferungs-
verbandes und der Siedlungsbehörden ist daher vom Standpunkt des
allgemeinen Staatswohles aus nur gut zu heißen.
Das „Restgut“, welches Dr. Schurig erwarb, umfaßte ca. 350 ha.
Des weiteren gab es noch 8 größere Bauern in den o. g. Ortsteilen,
5 Gartenbaubetriebe und 4 Bauern mit kleineren LN.
Dr. Schurig gehörte zu einer Familie weithin bekannter fortschrittlicher
Landwirte. Er führte auf den besseren Sandböden die Beregnung ein und
betrieb intensiven Gemüsebau – auch im Luch.
Er kaufte diverse Maschinen und Geräte und betrieb Rinderproduktion und
Schweinemast sowie eine intensive Geflügelhaltung.
1925 ließ er den heute noch vorhandenen – damals hochmodernen Getreide-
speicher – bauen und im Jahre 1931 richtete er eine Brennerei ein.
Es konnten Gewinne erzielt werden.
Das Gute wurde im Jahre 1945 enteignet und von der Roten Armee
besetzt. Es wurde Sitz der Militäradministration des Landes Brandenburg;
von sowjetischen Offizieren verwaltet und zur Versorgung der Roten
Armee benutzt.
Das Gut hatte durch den Krieg keinen Schaden genommen.
Teile der landwirtschaftlichen Nutzfläche fielen an die
Bodenreform – es blieben nur 340 ha übrig.
In den in diesem Abschnitt beschriebenen Zeitraum fällt
auch die kurze Tätigkeit des Professors Johannes Goldschmidt,
Chemieprofessor in Berlin, der vor allem über Aluminothermie
arbeitete. Mit diesem 1894 erfundenen Verfahren wurde es möglich,
Metall zu schweißen. Prof. Goldschmidt richtete 1918/19 eine
Werkstatt in der Ruppiner Str. 9 ein, um das Schweißverfahren
weiter zu entwickeln zum Thermitverbundschweißen, nach dem
noch heute das Schweißen der Bahnschienen vorgenommen wird.
Verdienstvoll für die wirtschaftliche Entwicklung jener Zeit war das Wirken
der Familie Werner. Sie kamen 1901 aus der Obstbauregion –
aus
Werder an der Havel – nach Paulinenaue. Sie führten den Obst-,
Erdbeer- und Spargelanbau in Paulinenaue ein.
Nach dem Tode des Prof. Goldschmidt übernahm Werner dessen
Experimentierwerkstatt und richtete eine Obstmosterei ein.
Als diese nicht mehr genug Gewinn abwarf, gründete er ein Transport-
und Vertriebsunternehmen. Er kaufte abends im Ort Obst und Gemüse
auf, das er noch nachts in die Berliner Markthallen brachte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg diente die ehemalige Mosterei
verschiedenen Zwecken.
Es ist der zweiten Besiedlung des Havelländischen Luches zu
verdanken, dass Paulinenaue – ab 1832 zum Gutsbezirk Pessin gehörig -
am 08. Dezember 1924 durch Erlass des Preußischen Staatsministeriums
selbständige Landgemeinde wurde – zugeordnet dem Kreis Havelland
(Rathenow).
Nach der Verwaltungsreform im Jahre 1952 kam Paulinenaue zum
Kreis Nauen – 1994 zum Großkreis Havelland und zum Amt Friesack.
Das 3. entscheidende Element für die Entwicklung des Dorfes Paulinenaue
war und sind Einrichtungen und Betrieb von Stätten der Agrarforschung. Diese
Entwicklung ist für immer mit dem Namen des Professors Dr. Eilhard
Alfred Mitscherlich verbunden.
Mitscherlich war weltbekannt, weil er als erster eine brauchbare mathematische
Formulierung der Gesetze der Ertragsbildung landwirtschaftlicher Kultur-
pflanzen gefunden hatte und dies in den ersten Jahren des Jahrhunderts.
Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges wurde vom Vietznitzer Gutsverwalter
durch die Aufschrift am Pferdegespann Prof. Mitscherlich, welcher eigentlich wieder
in seine Heimat wollte, als der bekannte Bodenkundler erkannt.
Es wurde ihm angeboten zu bleiben und so bezog er erstmal in einer
Scheune Quartier.
Es wurde alles daran gesetzt Mitscherlich zu überreden, in Deutschland
zu bleiben und man bot ihm an, das Gut in Paulinenaue, welches zu
der Zeit von der sowjetischen Militäradministration verwaltet wurde,
zu übernehmen.
Am 27. Juli 1945 zog Mitscherlich mit seinen Leiten in Paulinenaue ein.
Durch sein Engagementwurde man auch an höherer Stelle auf Mitscherlich
aufmerksam und schon Ende Aug. 1945 wurde ihm angeboten,
nach Berlin zu kommen.
Mitscherlich wurde aktiv in Landfunksendungen, in denen er über die
Steigerung der Pflanzenerträge sprach.
Im Jahre 1946 übernahm er einen Lehrstuhl an der Humboldt-
Universität in Berlin und wurde 1947 zum Präsidenten der Deutschen Land-
wirtschaftsgesellschaft gewählt.
Am 31. Mai 1949 wurde das Versorgungsgut der Roten Armee in
deutsche Verwaltung zurückgegeben. Dieses Abkommen wurde an
den Vors. für Landwirtschaft Steidle übergeben. Dieser übergab es
an Prof. Stroux von der Akademie der Wissenschaften.
Durch Prof. Stroux wurde Prof. Mitscherlich am 01. Juni 1949 zum
Direktor des neu gegründeten Akademie-Instituts berufen.
Das Institut erhielt den Namen:
Institut zur Steigerung der Pflanzenerträge.
Prof. Mitscherlich, der bei seinem Antritt als Institutsdirektor
bereits 74 Jahre alt war, setzte sich als großes Ziel, so schnell wie
möglich wieder an die Friedenshektarerträge heranzukommen.
Prof. Mitscherlich war schon 76 Jahre alt, als ihm 1951 angeboten wurde,
die Landwirtschaftsakademie zu übernehmen. Dies lehnte er aber ab,
da sein Bestreben dahin ging, in Paulinenaue zu bleiben.
1954 wurde das erste (heute das alte) Institutsgebäude
– als Laborgebäude - gebaut.
In der Zeit von 1951 – 54 entstanden auf der ehemaligen Obstplantage
der Werners in der Ph.-Müller-Str. für die Mitarbeiter des Instituts
diverse Einfamilienhäuser. Danach begann auch die Bebauung
im Gartenweg.
Forschungsziel des Instituts war zu der zeit die Verbesserung der
Bodenfruchtbarkeit sowie die Düngung mit Stickstoff für die Pflanzen-
ernährung.
Mitscherlich starb am 03. Februar 1956.
Mehr als 50 Jahre seines Lebens hatte er der Agrarwissenschaft gewidmet.
Auf dem Paulinenauer Friedhof fand er seine letzte Ruhestätte.
Mit seinem Ableben neigte sich der erste Abschnitt des Instituts dem Ende zu.
Das Institut wurde 1957 von der Akademie der Wissenschaften an die
Akademie der Landwirtschaftswissenschaften übergeben.
Aufgrund der Standortbedingungen wurde es Institut für Grünland- und
Moorforschung. Direktor wurde Prof. Dr. Asmus Petersen aus Rostock.
Es erfolgte die Umbenennung in Institut für Futterproduktion im Jahre 1972.
Vorangegangen war der Aufbau der technologischen Forschung und die
Übernahme des Ackerfutterbaus.
Die Auflösung des Instituts erfolgte im Jahre 1991.
Es entstand eine Nachfolgeeinrichtung –
Diese wurde 1995 aufgelöst. Es wurde eine Forschungsstützpunkt
und eine Abteilung des Instituts in Müncheberg gebildet.
Beide sind damit lediglich Teile eines Ganzen...
...
Es gibt über Paulinenaue noch soooo viel zu erzählen.
Dies alles hier aufzuführen, würde einfach den „Rahmen sprengen“.
Aber sollten Sie neugierig geworden sein, können wir Ihnen das Buch
empfehlen. Dieses wäre im
Amt Friesack – Marktstraße 22, 14662 Friesack -
zum Preis von 15,-- Euro käuflich zu erwerben.
Viel Vergnügen beim Lesen u n d
noch viel Freude
auf den Internet-Seiten des Amtes Friesack.